Das Reale und das Ideale als hermeneutische Prinzipien in Schellings Freiheitsschrift
DOI:
https://doi.org/10.56550/d.4.2.2Keywords:
Deutscher Idealismus; F.W.J. Schelling; Freiheitsschrift; Theodizee; PantheismusstreitAbstract
Dieser Aufsatz bietet eine umfassende Interpretation von F.W.J. Schellings Freiheitsschrift (1809). Dabei wird die These vertreten, dass die Freiheitsschrift als ein ausgedehnter Dialog zwischen zwei philosophischen Prinzipien gelesen werden kann: Realismus und Idealismus. Obwohl diese Begriffe für Schelling nicht neu sind, gewinnen sie 1809 eine neue Bedeutung. Abrückend vom statischen Absoluten der Identitätsphilosophie erkennt Schelling eine produktive Spannung zwischen Realismus und Idealismus, die auf einer grundlegenden Ebene ihren Ausdruck in den logischen Prinzipien der Identität und des zureichenden Grundes findet. Das Streben nach einer Versöhnung dieser Prinzipien führt zur Suche nach einem höheren Realismus, der über Realismus und Idealismus steht und beide logischen Prinzipien integriert, wie durch den Ungrund als Substrat verdeutlicht wird, demgemäß das Einzelne eingewickelt oder entfaltet wird. Metaphysisch wird dies durch zwei Prinzipien in Gott repräsentiert: das idealistische existierende Wesen und den realistischen Grund seiner Existenz. Während diese theoretisch im Gleichgewicht bleiben, erweist sich Schellings Anwendung dieser Prinzipien auf die Moralphilosophie als problematisch: Insbesondere bei der intelligiblen Tat verlagert er das Gewicht einseitig zugunsten der idealistischen Seite und entfernt sich zu weit von der faktischen Welt. Die in diesem Aufsatz vorgeschlagenen Lösungen bestehen darin, die Freiheitsschrift abschnittsweise zu interpretieren und Schelling bisweilen contra Schelling zu lesen, um die beiden Prinzipien auszugleichen.
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